Fotomuseum Winterthur | Samstag, 25.10.2025 – Sonntag, 15.02.2026

Poulomi Basu

In ihren Bildern verwebt die indische Künstlerin Poulomi Basu (*1983) dokumentarische Aufnahmen und inszenierte Szenen vor fantastischen Kulissen. Dabei verschwimmen Imagination, Wirklichkeit und unsere Vorstellung davon. Wie ein roter Faden zieht sich die Resilienz der Protagonist_innen ihrer Arbeiten durch ihr Werk: Basu ermöglicht es ihnen, die Rolle ermächtigter Akteur_innen einzunehmen, ihre eigenen Stimmen zu erheben, ihre persönlichen Geschichten zu erzählen und so die Wahrnehmung des Publikums herauszufordern.

Die Künstlerin nutzt ihre fotografische Praxis, um auf Ausgrenzung, Missstände und geschlechterspezifische Gewalt aufmerksam zu machen. Sie setzt Fotografie und Film sowie das aktivistische Potenzial der Medien ein, um sich für die Rechte marginalisierter Gruppen einzusetzen. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die Geschichten von Frauen, die wie sie aus dem globalen Süden stammen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Ihre Werke sind ein Aufruf zum Widerstand gegen patriarchalische Strukturen, vorherrschende Machtverhältnisse und die systematische Unterdrückung von Frauen und Mädchen.

Das Fotomuseum Winterthur realisiert die erste umfassende museale Einzelausstellung mit der Künstlerin und zeigt eine Auswahl ihrer Werke. Für Basus multimediale, oft raumfüllende Arbeiten kommen unterschiedlichste (Bild-)Medien wie Fotografie, Virtual Reality und Film, aber auch Installationen und Performance zum Einsatz. Ihre Bildsprache ist geprägt von einer eklektischen Mischung aus post-dokumentarischer Fotografie und fantastischen Science-Fiction-Elementen.

Basus Arbeiten Blood Speaks – A Ritual of Exile, The Moon Palace und Maya – The Birth of a Superhero untersuchen die Scham, Tabus und die Politisierung des Körpers, die mit dem Erwachen weiblicher Sexualität einhergehen. Die Künstlerin beleuchtet unter anderem den Brauch Chhaupadi, der in einigen Teilen Nepals und Indiens praktiziert wird, obwohl er offiziell bereits seit 2005 verboten ist. Dabei werden Frauen und Mädchen während der Dauer ihrer Menstruation als Unberührbare behandelt und in rudimentäre Unterstände verbannt, die meist weder über eine Waschgelegenheit noch über Menstruationsprodukte verfügen. Was unter dem Deckmantel der Tradition ausgeführt wird, birgt erhebliche gesundheitliche Gefahren, sodass physische und psychische Probleme bei den Frauen und Mädchen ausgelöst werden. In manchen Fällen führt die Praxis zu Vergewaltigung, Entführung oder dem Tod. Basus transmediale Arbeiten, für die Fotografien, Videos, Virtual Reality und auch ein Comic zum Einsatz kommen, beleuchten die Folgen dieser geschlechterspezifischen Form von Gewalt – lassen aber auch Betroffene zu Wort kommen und verleihen ihnen so Handlungsmacht.

Basus Projekt Centralia macht auf einen langjährigen Konflikt zwischen Indigenen Gemeinschaften und dem indischen Staat aufmerksam, der in der öffentlichen Wahrnehmung wenig Beachtung findet: Aufgrund der Bodenschätze, welche das Gebiet der Indigenen Communities der Adivasi in Indien birgt, wird dieses immer wieder von der Zentralregierung angegriffen. Die kommunistische People’s Liberation Guerrilla Army (PLGA) wehrt sich gegen diese Enteignungsversuche und kämpft für das Land der rund 104 Millionen Adivasi, die sich traditionell stark der Natur und dem eigenen Grund und Boden verpflichtet fühlen. Die Doku-Fiktion Centralia lässt Wirklichkeit und Imagination verschwimmen: Basu verbindet dokumentarisches und gefundenes Material, Fahndungsbilder von Kämpfer_innen der PLGA oder verfremdete Porträts mit inszenierten Szenen und verwischt so die Grenzen zwischen unseren Vorstellungen und der Realität dieses bewaffneten Konflikts.

Im Werkkörper Fireflies stellt Basu die persönlichen Erfahrungen von sich und ihrer Mutter in den Vordergrund. Mithilfe von Fotografie, Video und Ton reflektiert die Künstlerin die traumatische patriarchalische Gewalt, der sie beide zuhause ausgesetzt waren und sind. Aufnahmen der Spuren dieser Gewalt setzt Basu Fotografien ihres Körpers in einsamen Landschaften und fantastischen Szenerien entgegen, welche ein Gefühl von Freiheit, Selbstbestimmtheit und Fürsorge hervorrufen. Mit Fireflies erzähle Basu ihre persönliche Geschichte des Widerstands, sagt die Künstlerin. Das Werk sei eine Form der Solidarisierung mit den Frauen, die der Künstlerin Einblick in ihr Leben gewährt hätten.

Über die Künstlerin

Die neurodiverse Künstlerin Poulomi Basu (*1983) wurde in Kalkutta, Indien, geboren und lebt und arbeitet heute in London, Grossbritannien. Sie studierte Soziologie, bevor sie ihren Master in Fotojournalismus und Dokumentarfotografie am London College of Communication abschloss.

Basu wurde 2023 mit einem ICP Infinity Award in der Kategorie Contemporary Photography and New Media geehrt, gewann 2020 den Jury-Preis des Prix Découverte Fondation Louis Roederer der Rencontres d’Arles, wurde 2017 für das Sundance New Frontier Story Lab Fellowship ausgewählt und wurde 2012 Magnum Foundation Photography and Social Justice Fellow. 2023 wurde Basu ausserdem beim Tribeca Film Festival mit der New Voices Special Mention ausgezeichnet und für die BFI and Chanel Filmmakers Awards nominiert. Sie wurde 2021 zur 78. La Biennale Cinema di Venezia und 2019 zum Filmfestival South by Southwest eingeladen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem 2023 im Barbican, 2023 im Victoria and Albert Museum, 2023 und 2018 im UN-Hauptquartier in New York, 2022 auf der Paris Photo und 2021 in der Photographers’ Gallery gezeigt, wo sie für den Deutsche Börse Photography Foundation Prize nominiert war.

Basus Werke sind Teil unterschiedlicher öffentlicher Sammlungen, darunter die Sammlungen des Victoria and Albert Museum (UK), der Harvard Art Museums (USA), der Autograph (UK), des Museum of Modern Art (USA), der Martin Parr Foundation (UK), der Rencontres d’Arles (FR) und des Olympische Museums (CH).