SITUATIONS statement

Alle, die ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop besitzen wissen, dass die Fotografie heute immer mehr zu einem Distributions- und Kommunikationsmedium wird. Angetrieben von der enormen Vervielfältigungskraft digitaler Algorithmen lassen sich Fotos heute blitzschnell zwischen zahlreichen Geräten und Plattformen hin und her schicken. Der Unterschied zwischen Standbild und bewegtem Bild verschwimmt immer mehr. Gleichzeitig ist das digitale Bild etwas grundlegend Soziales geworden, das in diversen Lebensbereichen eine entscheidende Rolle spielt. Dies hat auch Auswirkungen auf die Praxis insbesondere junger Künstler/innen, die mit vielen unterschiedlichen Medien arbeiten und sich nicht mehr einfach als Fotografen begreifen.

Bei unserer täglichen Arbeit merken wir, dass wir immer häufiger vom „Fotografischen“ sprechen als von „der Fotografie“; und von „fotografischen Medien“ statt vom „Medium“: Eine Herausforderung für ein Fotomuseum mit einer einzigartigen, aber primär analogen Vergangenheit. Wir sind überzeugt, dass das Fotomuseum Winterthur beherzt auf diese Entwicklungen reagieren muss, und zwar nicht einfach, indem wir auf den bereits überholten digital turn einschwenken.

Am 10. April 2015 hat das Fotomuseum Winterthur deshalb ein neues Ausstellungsformat mit dem Titel SITUATIONS lanciert, um auf fotografische und kulturelle Entwicklungen rascher und flexibler reagieren zu können. Mit SITUATIONS werden wir die Zukunft des Fotografischen begleiten, mitgestalten und gleichzeitig ein innovatives Zusammenspiel von physischen und virtuellen Räumen wagen. Die Ausstellungen werden inhaltlich entlang von Tags und Clustern kuratiert, was uns erlaubt, konkrete und virtuelle Ausstellungsobjekte neu miteinander zu kombinieren.

Eine SITUATION kann ein fotografisches Bild sein, ein Film, ein Text, ein Online-Interview, ein Screenshot, eine Fotobuchpräsentation, eine Projektion, eine Skype-Vorlesung oder eine Performance. Die SITUATIONS werden durchnummeriert und können ein paar Stunden dauern oder auch zwei Monate lang. SITUATIONS finden in Winterthur statt, aber auch in São Paulo oder Berlin – und als Stream auf unserer Website. So entsteht ein ständig anwachsendes digitales Archiv von SITUATIONS, mit denen wir die Idee der Ausstellung erweitern und nicht nur unsere lokalen Besucher erreichen, sondern übers Internet auch die grosse globale Öffentlichkeit.

Das Programm SITUATIONS ist entlang von zentralen thematischen Clustern organisiert. Das erste dieser Cluster war Beziehungen (SITUATIONS #1 bis #8), eine Erkundung der sich wandelnden sozialen Gestalt der Fotografie innerhalb der digitalen Kultur. Sehende Maschinen (SITUATIONS #9 bis #19) widmete sich dem Umstand, dass visuelle Technologien zunehmend ohne menschliche Beteiligung funktionieren und damit einen neuen, algorithmischen „Seh-Modus“ ermöglichen. Formate (SITUATIONS #20 bis #22) beschäftigte sich als drittes Cluster mit vergangenen und sich verändernden visuellen Formaten, und befragte die Bedeutung medialer Transformationen für eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit Kunst und Fotografie. Verschwinden (SITUATIONS #23 bis #27) untersuchte Prozesse des Verschwindens als Übergangsmomente und fragte danach, wie und auf welche Art und Weise diese Momente von einer Dynamik der (Re-)Konfiguration und des (Wieder-)Erscheinens gekennzeichnet sind. Angesichts der radikalen Veränderungen in der Produktion, Distribution und Nutzung von Bildern, die heute über mobile und interaktive Bildschirme migrieren, untersuchte das fünfte Cluster (in)stabil (SITUATIONS #28 bis #31) Momente des De/Stabilisierens in der Geschichte und in unserem zeitgenössischen Erleben von Fotografie und Film. Spiel (SITUATIONS #32 bis #38) wiederum beleuchtete künstlerische Spielmodifikationen, die Gamifizierung der Fotografie und Formen der sozialen Online-Interaktion, die durch neue Spiel-(An)Ordnungen im Digitalen entstehen – und wie sich diese auf den Handlungsraum der Spieler_innen auswirkt. Proletariate (SITUATIONS #39 bis #41) untersuchte künstlerische Repräsentationsverfahren in ihrem Potenzial, die vielschichtigen Verzahnungen von Arbeit, Subjektivität, von Geschlecht und sozialer Stellung zu dekonstruieren. Im achten Cluster Filter (SITUATIONS #42 bis #53) ging es um die Politik der Bilder und die sozialen Machthierarchien und Wertesysteme, die ihre Produktion, Selektion und Zirkulation mitbestimmen und sich unsichtbar in Medientechnologien und ihre Repräsentationen einschreiben. Ganz im Zeichen des Re-enactment stand das neunte Cluster (SITUATIONS #54 bis #58), das danach gefragt hat, inwiefern Realität ab- oder nachgebildet, oder überhaupt erst über die Re-Produktion geschaffen wird. Cluster zehn (SITUATIONS #59 to #67) erkundete unter dem Titel Flesh Schnittstellen, an denen sich Körper und Bild reflexiv verschränken: Momente, an denen der Blick sich auf der Körper-Oberfläche einschreibt, in sein Fleisch eindringt, ihn transformiert. Und unter dem Titel Platzhalter (SITUATIONS #68 bis #79) fand zuletzt eine Auseinandersetzung mit der Fotografie als Informations- und Austauschobjekt innerhalb von Zirkulationsprozessen, kulturellen Semantiken und sozialen Strukturen statt, die allesamt ihre Bedeutung mitbestimmen.

Dank einem System aus stichwortartigen Tags, lassen sich diese Cluster und die einzelnen SITUATIONS im Online-Archiv durchsuchen und auch neu kombinieren. Nach und nach kommen nun weitere Cluster hinzu und über die Tags ergeben sich neue virtuelle Ausstellungen.

Das aktuelle Cluster (SITUATION #80 bis #87, ab 20. Mai 2017) untersucht die Fotografie als faktisches Medium. Fake News und alternative facts dominieren zurzeit die Schlagzeilen: Die Rede ist von einem „post-faktischen Zeitalter“, in dem es immer schwieriger wird, zwischen Fakt und Fiktion, zwischen objektiver Wahrheit und subjektiver Wirklichkeitskonstruktion zu unterscheiden. Die Fotografie als Medium nimmt in dieser Diskussion eine zentrale Stellung ein: Aufgrund ihres realitätsbezogenen, abbildenden Charakters wurde ihr immer schon ein spezieller Anspruch auf Faktizität und Wahrheit attestiert. Gleichwohl wurde sie gerade deswegen auch immer schon in ganz verschiedenen Kontexten – in der Kunst, den Massenmedien oder der Politik – strategisch zur Erzeugung von Wahrheits- und Evidenzeffekten eingesetzt. Wie steht es um diesen Anspruch des Faktischen heute, in einer Zeit, in der sich Bilder und Informationen über digitale Kanäle und Social Media immer schneller und unkontrollierter verbreiten, reproduzieren, bearbeiten und in neue Kontexte setzen lassen?

Vom 13.–18. Juni 2017 expandiert SITUATIONS/Faktisch an die LISTE Art Fair Basel. Das Cluster erweitert sich im Laufe des Sommers.