2018

Welche Folgen haben jüngste Entwicklungen des maschinellen Sehens für fotografische Medien und Formen? Welche Rolle nehmen die Fotograf_innen innerhalb dieses sich wandelnden Apparats ein? Da die Künstliche Intelligenz nicht nur lernt, Bilder zu erkennen und zu analysieren, sondern potenziell auch das Konzept der Repräsentation verändert, stellt sich die Frage nach den sozialen, politischen und kulturellen Auswirkungen der neuen bildgebenden Geräte.

Katriona Beales, Geoff Cox und Mario Klingemann haben in ihrer Zusammenarbeit über die sozialen Werte nachgedacht, die durch Bildverarbeitungssysteme vermittelt und computergestützte Bildanalyse erzeugt werden. In ihrem spekulativen Projekt haben sie die Idee eines „maschinischen Punktums“ oder eines alternativen algorithmischen Sehens entwickelt, das sich der kapitalistischen Wissensökonomie entzieht. Sie untersuchten dafür die Algorithmen, die der Kategorisierung von Bildern zugrunde liegen, um vordefinierte Klassifizierungen zu umgehen und stattdessen die Mehrdeutigkeit der Bilder hervorzuheben, die von den meisten gängigen Bildverarbeitungsprogrammen nicht erfasst werden kann. Ihre alternative Kategorisierung wendet sich gegen technologisch erzeugte Hierarchien und ermöglicht die Vorstellung eines „am meisten und gleichzeitig am wenigsten begehrten“ Bildes.

Unsere soziale Interaktion hat sich zunehmend auf Online-Plattformen verlagert. Wie verändert sich unsere Selbstdarstellung und welche Auswirkungen hat die fotografische Praxis in und mit Social Media auf unsere Identität und unsere soziale Interaktion? Was ist die Rolle der Fotografie im Zeitalter des universellen Voyeurismus, des Instagram-Stalking, der Promi-Hackerazzi und des Internet-Exhibitionismus?

Maddy Varner und Nina Wakeford haben gemeinsam den Prototypen eines alternativen Online-Raums für den sozialen Austausch entwickelt. Ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit unseren sozialen Beziehungen auf zeitgenössischen Online-Plattformen, haben sie andere Möglichkeiten von Beziehungen und affektiven Verhaltens erkundet, die bedeutungsvoller sind als die „like“- und „share“-Funktionen sozialer Medien. Inspiriert von der Collagetechnik der Dadaisten im frühen 20. Jahrhundert, haben Varner und Wakeford einen digitalen Raum für kollektive Cut-and-Paste-Verfahren und damit eine soziale Collage für das Bildschirmzeitalter geschaffen. Das Projekt ist live unter www.c-vvvvvvvv.group.

Bilder im Netz konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit, die so zur Währung einer neuen Ökonomie geworden ist. Von Memes zu Clickbaits, von Katzenvideos zu Food Porn – ständig werden wir verführt und abgelenkt, unsere Verweildauer erfasst, unser Blick verfolgt und unsere Aufmerksamkeit in Likes und Follower quantifiziert. Wie könnten Zukunftsszenarien für die Ökonomie der Bilder aussehen? Wie kann dieses scheinbar unsichtbare Ökosystem sichtbar gemacht und kritisch hinterfragt werden?

Manetta Berends, Nicolas Malevé und Sebastian Schmieg haben das Captcha-System infiltriert, um einen doppelbödigen und ironischen Online-Club zu erschaffen. Im Gegensatz zu normalen Captcha-Systemen, bei denen die Lösung von Aufgaben den Zugriff auf eine bestimmte soziale Plattform oder Webseite erlaubt, führt ihr Prototyp fragments.club ein Captcha ein, das sowohl eine Arbeitsaufgabe als auch ein konsumierbares Endprodukt für die Captcha-Nutzer_innen darstellt. Diese wählen Bilder und Videofragmente aus, die sich zu einer kleinen Erzählung verdichten und bekommen die Möglichkeit, ein neues Mitglied einzuladen. Durch diesen simplen Akt wird die digitale Mikroarbeit zu einem kollektiven Gestaltungsmittel, das über einzelne Einladungen weitergegeben wird und die Möglichkeit bietet, eine potenziell unendliche visuelle Erzählung herzustellen.

Was ändert sich für die Fotografie, wenn bei Bildern der Aspekt ihrer Übertragung in den Vordergrund rückt, sie durch die globalen Netzwerke verschickt werden und unendlich oft reproduzierbar sind? Ist der fotografische Austausch demokratischer geworden oder nur Teil neuer Machtstrukturen? Wie verändern die Eigenschaften von Netzwerken Konzepte von Wahrheit und Repräsentation in den fotografischen Medien? Hat das vernetzte Bild zu mehr Propaganda oder mehr Widerstand beigetragen?

Ramon Amaro, Anthon Astrom und Dina Kelberman haben gemeinsam ein alternatives Konzept von Fotografie zu entwickeln versucht, das das traditionelle Verständnis von Urheberschaft und Kontrolle in Frage stellt. Mit ihrem Prototyp einer mobilen App führen sie eine Form der „relationalen Fotografie“ ein, die nicht länger das Produkt einer einzelnen Urheberin darstellt, sondern eines kollektiven Handelns. Die Benutzer_innen der App müssen mit anderen Personen zusammenarbeiten, um ein Bild zu produzieren, das in mehrere Komponenten (wie Sättigung, Helligkeit, Schärfe, Vordergrund...) aufgeteilt ist und aus den einzelnen Teilen zu einem Ganzen zusammenfügt wird.

Vom Screenshot zur In-Game-Fotografie, von computergenerierten Bildern zu neuronalen Netzen – Fotografien hängen immer weniger von der materiellen Welt ab. Können wir uns eine Fotografie vorstellen, die ohne Licht, Linse und physische Objekte auskommt? Was passiert, wenn die Fotografie vollständig simuliert, virtualisiert oder durch Algorithmen hergestellt wird?

Adam Brown, Tabea Iseli und Alan Warburton haben in ihrem Prototypen eine interaktive Spielumgebung entwickelt, die Vorstellungen der fotografischen Aufnahme und des Akts des Sehens hinterfragt. Über mehrere Sensoren sucht ihr Prototyp den Raum nach Menschen ab. Wird keiner entdeckt, so erscheint auf dem Bildschirm das Bild einer Wildkatze, die allerdings unsichtbar und in einem paradoxen Zustand gleichzeitig existent und inexistent bleibt, ähnlich dem Gedankenexperiment von Schrödinger. Mit seinem spielerischen Ansatz hinterfragt das Projekt sowohl die Beziehung zwischen Fotograf_in und Motiv als auch die der Spieler_innen zu der Maschine, mit der sie interagieren.